„DIE ARBEIT“ NUMMER 4/2020

Im Dezember erscheint die Nummer 4/2020 des GLB-Magazins „Die Arbeit“. Auch in dieser Ausgabe wieder mit zahlreichen Beiträgen zu aktuellen gewerkschaftlich interessanten Themen. Und wie in jeder Nummer gibt es Berichte aus den Arbeiterkammervollversammlungen und über Betriebsratswahlen, bemerkenswerte Zitate, die Fundgrube, eine Faktenbox, Buchtipps, Ankündigungen und als Abschluss Karl Bergers Cartoon.

So wie immer erhalten diese Ausgabe alle Abonnent*innen und GLB-Mitglieder und sie steht auch für Verteilungsaktionen in Betrieben etc. zur Verfügung. Interessent*innen schicken wir diese Ausgabe als Print oder PDF gerne zu, Anforderungen per Mail an office@glb.at mit Angabe der Post- bzw. Mailadresse. Die Nummer 1/2021 erscheint Ende Februar 2021.

AUS DER REDAKTION

Corona-Pandemie

Corona hält die Welt und damit auch Österreich weiter in Geiselhaft. Parallel mit der Lockerung von Maßnahmen der Regierung stieg leider auch die Sorglosigkeit, wie der Wiederanstieg von Infektionen in diversen Clustern zeigt.

Vor allem hat Corona eine wirtschaftliche Seite. Und da schaut es für Lohnabhängige, Prekarisierte und Scheinselbständige gar nicht gut aus. Die Regierungsmilliarden nach dem Motto „Koste es, was es wolle“ kommen nämlich vorrangig den Konzernen – Stichwort AUA/Lufthansa – zugute.

Die am dringendsten Unterstützung brauchen – etwa im ohnehin schmählich behandelten Kulturbereich – haben vielfach das Nachsehen. Vor allem bleibt die Frage, wer zahlt. Denn die naheliegende Besteuerung der Millionenvermögen und Millionenerbschaften wird Regierung und Parlament und von den Reichen sowieso als Teufelszeug abgelehnt.

Kollektivverträge wohin?

Der Drei-Jahresabschluss für Sozialwirtschaft, Diakonie und Caritas war ein Vorgeschmack, wie Corona als Druckmittel genutzt wird. Beim Laudamotion-KV wurde die Gewerkschaft regelrecht erpresst einem Schandlohn zuzustimmen. Das Ziel von 1.700 Euro brutto monatlich ist in weiter Ferne. Der Chemie-Abschluss mit mageren 1,6 Prozent zeigt, wohin die Reise führt.

Von Arbeitszeitverkürzung – schon gar nicht mit vollem Lohn- und Personalausgleich – und einem gesetzlichen Mindestlohn – der etwa für Erntehelfer, Paketdienste etc. ein klares Limit wäre – oder anderen Formen einer Existenzsicherung wollen Regierung und Unternehmen nichts hören.

Gewerkschaftspolitik

Die Gründung des überparteilichen ÖGB vor 75 Jahren ist für „Die Arbeit“ Anlass für eine kleine Serie zur Entwicklung des ÖGB und Anforderungen an eine zukunftsorientierte Gewerkschaftspolitik aus linker Sicht. GLB- Bundesvorsitzender Josef Stingl setzt sich in dieser Ausgabe mit der Entstehung und Entwicklung der Sozial- partnerschaft auseinander.

Demokratie im Betrieb

Auch in „normalen“ Zeiten gibt es in der Wirtschaft Patriarchen, die von Demokratie und Mitbestimmung nichts hören wollen und Betriebsratswahlen mit aller Kraft zu unterbinden versuchen, Kandidat*innen und gewählte Interessenvertreter*innen kündigen oder mit aller Kraft als „Störenfriede“ aus dem Betrieb hinausekeln.

In Corona-Zeiten hat diese Methode deutlich zugenommen, wie zahlreiche Fälle beweisen. Umso mehr wird es nun darauf ankommen, das Recht auf eine gewählte Interessenvertretung durchzusetzen und Bestrebungen das zu verhindern zu bekämpfen.

IM ZEICHEN VON CORONA

AK-Vollversammlung Oberösterreich am 30.6.2020

Bei der Vollversammlung am 30. Juni 2020 sprach AK-Rat Thomas Erlach (GLB) einige Punkte an, die sich in der Zeit der Covid-19-Pandemie und der von ihr verstärkten Wirtschaftskrise als akut herausgestellt haben.

Wir erleben trotz Kurzarbeit derzeit eine Rekordarbeitslosigkeit und es ist ein völliges Systemversagen, weil die Unternehmen nicht willens sind ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen: „Hier muss der Staat endlich in die Bresche springen und über staatliche Beschäftigungsprogramme und einen Ausbau der Arbeitsplätze im Gesundheits- und Sozialbereich und im Bereich der öffentlichen Hand, die von den Arbeitnehmer*innen dringend benötigten Arbeitsplätze schaffen“, so Erlach.

Arbeitslosigkeit ist systembedingt

Arbeitslosigkeit wird nicht von den Arbeitslosen selbst verschuldet, sondern ist systembedingt. Eine Anhebung der Arbeitslosenunterstützung auf 80 Prozent und eine Absicherung und Anhebung der Notstandshilfe können erste Schritte sein auf dem Weg zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Einmalzahlungen sind auf jeden Fall zu wenig.

„Die hohe Jungendarbeitslosigkeit ist ebenfalls besorgniserregend. Wenn nicht schnell gehandelt wird, führt das zu einer verlorenen Generation, zu Menschen, die ihr ganzes Leben lang um ihre existenzielle Absicherung kämpfen müssen“, so Erlach weiter. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ist es höchste Zeit für eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden bei vollem Lohn und Personalausgleich, in Verbindung mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 13,5 Euro pro Stunde. Das schafft nachhaltig Arbeitsplätze und führt zu existenz- sichernden Einkommen.

Existenzielle Sicherheit notwendig

In Zeiten wie diesen brauchen die Menschen existenzielle Sicherheit. Daher ist es wichtiger denn je sozialstaatliche Leistungen auszubauen. Es braucht mehr sozialen Wohnbau, es braucht eine Erhöhung der Wohnbeihilfe. Es braucht eine Erhöhung der Familienbeihilfe, um einige Beispiele zu nennen.

Es muss jetzt darum gehen, systemrelevante Berufe dauerhaft besser zu stellen, Applaus ist zu wenig. Es hat sich deutlich gezeigt, dass die Leistungen im Sozialbereich unverzichtbar für unsere Gesellschaft sind. Darum müssen sozialstaatliche Angebote ausgebaut und Arbeits- und Einkommensbedingungen verbessert werden.

Es ist von großer Bedeutung, dass in der nächsten Zeit viele Veränderungen zu Gunsten der Werktätigen durchgeführt werden, um den sozialen Frieden und die soziale Sicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten.

Erlach stellte daher erneut die Frage: „Unternehmen wir genug, um Forderungen von uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern umsetzbar zu machen? Nur eine Forderung auszusprechen ist zu wenig. Der GLB tritt dafür ein, die gesamte Palette von Möglichkeiten und Kampfmaßnahmen gemeinsam mit dem ÖGB auszuschöpfen.“

AK-Präsident Kalliauer meinte: „Ohne Arbeitnehmer*innen funktioniert überhaupt nichts!“ Ja, das stimmt, und es ist gut, wenn uns das klar ist. Wir sollten das viel stärker bei der Planung unserer Aktionen berücksichtigen.

Attacken gegen Arbeitslose

ÖAAB und Freiheitliche äußerten sich abfällig über arbeitslose Menschen. So wurde Arbeitslosen unterstellt, sie würden erst bis 10 Uhr schlafen und dann pfuschen gehen. Der ÖAAB sprach sich dafür aus „Arbeit interessant zu machen, indem man die soziale Absicherung niedrig hält“. Erlach stellte klar, dass, wer solche Äußerungen tätigt, in Wirklichkeit daran arbeitet, die Löhne möglichst niedrig zu halten, und das gehört nun wirklich nicht zu den Aufgaben der Arbeiterkammer.

Die Anträge des GLB im Wortlaut auf http://www.glb.at.

Thomas Erlach ist Praxeologe, Betriebsratsvorsitzender von EXIT-sozial Linz und GLB-Arbeiter- kammerrat in Oberösterreich

SIE KÄMPFTEN FÜR DIE FREIHEIT

Ein Buchtipp von Heide Bekhit

„Ich bin gefallen, damit diejenigen, die nach mir leben werden, so frei leben können, wie ich es so sehr gewollt habe.“ Dieser Satz aus einem Abschiedsbrief der belgischen Widerstandskämpferin Marguerite Bervoets (1914-1944) bringt zum Ausdruck, was zahlreiche Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus in Europa in die Waagschale geworfen haben: ihr gesamtes Wesen und Wagen – und am Ende oft das eigene Leben.

Das Buch „Mit Mut und List“ von Florence Hervé beleuchtet das Leben von 75 Frauen aus mehr als 20 Ländern, die, jede auf ihre Weise, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, für internationale Solidarität und ein friedliches Zusammenleben der Völker gekämpft haben, „…ohne Anspruch auf Repräsentativität und Vollständigkeit“.

Wunsch nach Freiheit

24 Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen aus ganz Europa haben die Biographien geschrieben. Ob die im Buch vorgestellten Frauen Kommunistinnen oder Sozialdemokratinnen waren, ob sie aus christlichen oder humanistischen Motiven gehandelt haben, sie alle verband der Wunsch nach Freiheit.

Zahlreiche Widerstandskämpferinnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Andere, die überlebt haben, haben auch danach noch ihr ganzes Leben als Mahnende, als Kämpferinnen gegen Unrecht und Rassismus, für Frieden und Solidarität sowie als Zeitzeuginnen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt.

Nur wenige von ihnen sind heute noch am Leben. Diese Frauen und ihr Lebenswerk zu würdigen und vor dem Vergessen zu bewahren, ist das Verdienst dieses Buches.

Pflaster auf vielen Wunden

Etty Hillesum (1914-1943), Widerstandskämpferin aus den Niederlanden, war es nicht vergönnt, die deutschen Besatzer und ihr Werk der systematischen Judenvernichtung zu überleben. In ihren Tagebüchern schrieb sie: „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“, oder, an anderer Stelle: „…Ich finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll“. 1943 wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Allein dem Zufall…

Die griechische Widerstandskämpferin Maria Beikou (1926-2011), die bereits mit 18 in den Bergen gegen die deutschen Besatzungstruppen kämpfte und später lange Jahre im Exil leben musste, betonte stets: „Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich allein dem Zufall. Die Kugel, die mir galt, traf meinen Nebenmann…“

Wie war es möglich, im Rahmen einer systematischen Vernichtung binnen zwei bis drei Monaten rund 300.000 Jüdinnen und Juden, Männer, Frauen, Kinder, aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Treblinka zu deportieren und dort zu ermorden, ohne dass jemand die Täter gestoppt hat? Angesichts dieser Tatsache muss der Umstand, dass es der Sozialarbeiterin und Leiterin der Kindersektion der polnischen Untergrundorganisation Zegota, Irena Sendler, gelang, rund 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu retten, als schier unglaublich anmuten.

Facetten des Widerstandes

Ob Kurier- und Spionagedienste, Kriegsreportage, das Verstecken und Versorgen Verfolgter oder bewaffneter Widerstand, ob Schweigen unter Folter oder das Teilen einer Möhre mit vier anderen im KZ, das Buch von Florence Hervé hilft uns, die vielen Facetten des Widerstandes von Frauen gegen Faschismus und Krieg zu ermessen und es macht Mut, sie uns zum Vorbild zu nehmen, wann immer dies wieder erforderlich sein sollte.

Florence Hervé (Hg.), Mit Mut und List, Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg, PapyRossa Verlag, 2020

Heide Bekhit ist Vertragsbedienstete und KPÖ-Bezirksrätin in Graz- Innere Stadt

ZITIERT

Die Vergemeinschaftung der Schulden auf der einen und der Länderegoismus bei den Förderungen auf der anderen Seite passt nicht zur europäischen Idee. Wilfried Haslauer, LH Salzburg (ÖVP), Kurier, 26.4.2020

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So unsichtbar das Coronavirus ist, so eine unglaubliche Macht hat es bis tief in die Gesellschaft entwickelt. Es hat Dinge möglich gemacht, die Klimakrise und Hunger auf der Welt bisher nicht geschafft haben. Meinhard Lukas, Rektor der Universität Linz, OÖN, 25.4.2020

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Bis zu 100 Prozent Verschuldungsquote wäre für Österreich auch im Hinblick auf die Generationengerechtigkeit verkraftbar. Teodore Cocca, Uni Linz, OÖN, 22.4.2020

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Heikel ist das Epidemiegesetz auszuhebeln, wodurch Unternehmen nach behördlicher Betriebsschließungen allgemeine und automatische Rechte auf Entschädigung verlieren. Peter Filzmaier, Politikforscher, Kronenzeitung, 19.4.2020

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Ich halte es für eine ganz gefährliche Diskussion, die manche hier loszutreten versuchen. Grob gesprochen: Isolieren wir die Alten, oder lassen wir sie sterben, um unsere Wirtschaft nicht zu ruinieren. Das würde darin enden, den Wert eines Lebens ökonomisch zu berechnen. Eine faschistoide Altersdiskriminierung: wertes Leben gegen unwertes. Konrad Paul Liessmann, Philosoph, Krone Bunt, 5.4.2020

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Allerdings fürchte ich, dass die aktuelle Krise die Spaltung zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft vergrößern wird. Robert Pfaller, Philosoph, Der Standard, 30.3.2020

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Man kann sagen, dass die soziale Marktwirtschaft in ihrer (nicht nur) in Österreich verwirklichten Ausformung auf den Ideen des Neoliberalismus beruht. Hans-Georg Koppensteiner, Die Presse, 16.3.2020

FAKTENBOX GEMEINNÜTZIGE

Über 250.000 Menschen oder fast sieben Prozent aller unselbstständig Beschäftigten arbeiten laut dem Freiwilligenbericht 2019 der Bundesregierung im gemeinnützigen Sektor.

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Etwa 25.000 gemeinnützige Vereine bilden das organisatorische Fundament für das ehrenamtliche Engagement.

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3,5 Millionen Freiwillige im Sozialbereich, Kultur, Sport usw. leisten rund 14 Millionen freiwillige Arbeitsstunden pro Woche.

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Allein in der Kultur bringen mehr als 500.000 Ehrenamtliche laut IG Kultur, einem Dachverband von 776 autonomen Kulturinitiativen, Kultur in den Alltag.

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45 Prozent aller Österreicher*innen ab 15 Jahren leisten formelle oder informelle freiwillige Tätigkeiten im gemeinnützigen Bereich.

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Die Wertschöpfung der Gemeinnützigen beträgt mehr als zehn Milliarden Euro jährlich und ist damit größer als jene der Landwirtschaft.

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Durch die Corona-Krise sind den Gemeinnützigen Spenden und Einnahmen von über 750 Mio. Euro verloren gegangen, schätzt WU-Professor Michael Meyer.

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Im „Bündnis für Gemeinnützigkeit“ haben sich 19 Verbände und Netzwerke mit mehr als 3.000 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Bildung, Soziales, Beschäftigung, Inklusion, Kultur, Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit zusammengeschlossen.

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Das „Bündnis“ fordert ein „Ministerium für Zivilgesellschaft“, eine Vertretung im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, die Entbürokratisierung des Gemeinnützigkeitsrechts, bessere Rahmenbedingungen für Freiwillige und Spendenabsetzbarkeit.

FUNDGRUBE

In einem „Offenen Brief“ fragte vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit ob die „Neos von neoliberalen Wirtschaftskräften instrumentalisiert“ seien, weil sie im Parlament für die 1.000-Euro-Brutto-Hungerlöhne in dem letztlich auch von der vida abgesegneten Laudamotion-KV plädierten (OTS0150, 9.6.2020).

Ist Hebenstreit etwa nicht bekannt, dass die Neos der politische Arm des extremen Neoliberalismus sind? Und was ist eigentlich aus der ÖGB-Forderung nach 1.700 Euro Brutto-Mindestlohn geworden?

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Nachhaltig erschüttert ist der neoliberale Kampfschreiber Christian Ortner darüber, dass gerade in den Hochburgen des Kapitalismus zunehmend der Sozialismus positiv bewertet wird.

Und weil er sich nicht mehr anders zu helfen weiß, erklärt er dieses Phänomen mit der Schlagzeile „Beeinträchtigt Corona das Denkvermögen der Millenials?“ (Die Presse, 5.6.2020).

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Rechnungshof-Präsidentin Margit Kraker muss jetzt einräumen, dass auch der RH „Lehren aus der Corona-Krise ziehen“ muss. Hingegen verteidigt ihr Vorgänger Franz Fiedler stur die jahrelangen Empfehlungen Akut- und Intensivbetten in Spitälern abzubauen. Er schwadroniert mit Fantasiezahlen von 4,75 Mrd Euro als Einsparungspotenzial (Standard, 11.5.2020).

Ihm assistieren „Gesundheitsökonomen“ wie Thomas Czyplonka (IHS), Ernest Pichlbauer und Martin Sprenger. Solche „Experten“ sind nach den internationalen Erfahrungen mit Corona schlicht zum Krenreiben.

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„Die Regierenden sollten sich im Corona-Rausch nicht verführen lassen, ökonomische Lenkungsaufgaben dauerhaft an sich zu reißen oder gar Manager zu spielen“ fürchtet Christian Ultsch einmal mehr um die Freiheit der Wirtschaft (Presse, 3.5.2020).

Wäre es nicht eigentlich umgekehrt notwendig, den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik zurückzudrängen und demokratische Entscheidungen über das Primat des Profits zu stellen?

SIE KÄMPFTEN FÜR DIE FREIHEIT

Ein Buchtipp von Heide Bekhit

„Ich bin gefallen, damit diejenigen, die nach mir leben werden, so frei leben können, wie ich es so sehr gewollt habe.“ Dieser Satz aus einem Abschiedsbrief der belgischen Widerstandskämpferin Marguerite Bervoets (1914-1944) bringt zum Ausdruck, was zahlreiche Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus in Europa in die Waagschale geworfen haben: ihr gesamtes Wesen und Wagen – und am Ende oft das eigene Leben.

Das Buch „Mit Mut und List“ von Florence Hervé beleuchtet das Leben von 75 Frauen aus mehr als 20 Ländern, die, jede auf ihre Weise, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, für internationale Solidarität und ein friedliches Zusammenleben der Völker gekämpft haben, „…ohne Anspruch auf Repräsentativität und Vollständigkeit“.

Wunsch nach Freiheit

24 Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen aus ganz Europa haben die Biographien geschrieben. Ob die im Buch vorgestellten Frauen Kommunistinnen oder Sozialdemokratinnen waren, ob sie aus christlichen oder humanistischen Motiven gehandelt haben, sie alle verband der Wunsch nach Freiheit.

Zahlreiche Widerstandskämpferinnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Andere, die überlebt haben, haben auch danach noch ihr ganzes Leben als Mahnende, als Kämpferinnen gegen Unrecht und Rassismus, für Frieden und Solidarität sowie als Zeitzeuginnen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt.

Nur wenige von ihnen sind heute noch am Leben. Diese Frauen und ihr Lebenswerk zu würdigen und vor dem Vergessen zu bewahren, ist das Verdienst dieses Buches.

Pflaster auf vielen Wunden

Etty Hillesum (1914-1943), Widerstandskämpferin aus den Niederlanden, war es nicht vergönnt, die deutschen Besatzer und ihr Werk der systematischen Judenvernichtung zu überleben. In ihren Tagebüchern schrieb sie: „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“, oder, an anderer Stelle: „…Ich finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll“. 1943 wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Allein dem Zufall…

Die griechische Widerstandskämpferin Maria Beikou (1926-2011), die bereits mit 18 in den Bergen gegen die deutschen Besatzungstruppen kämpfte und später lange Jahre im Exil leben musste, betonte stets: „Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich allein dem Zufall. Die Kugel, die mir galt, traf meinen Nebenmann…“

Wie war es möglich, im Rahmen einer systematischen Vernichtung binnen zwei bis drei Monaten rund 300.000 Jüdinnen und Juden, Männer, Frauen, Kinder, aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Treblinka zu deportieren und dort zu ermorden, ohne dass jemand die Täter gestoppt hat? Angesichts dieser Tatsache muss der Umstand, dass es der Sozialarbeiterin und Leiterin der Kindersektion der polnischen Untergrundorganisation Zegota, Irena Sendler, gelang, rund 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu retten, als schier unglaublich anmuten.

Facetten des Widerstandes

Ob Kurier- und Spionagedienste, Kriegsreportage, das Verstecken und Versorgen Verfolgter oder bewaffneter Widerstand, ob Schweigen unter Folter oder das Teilen einer Möhre mit vier anderen im KZ, das Buch von Florence Hervé hilft uns, die vielen Facetten des Widerstandes von Frauen gegen Faschismus und Krieg zu ermessen und es macht Mut, sie uns zum Vorbild zu nehmen, wann immer dies wieder erforderlich sein sollte.

Florence Hervé (Hg.), Mit Mut und List, Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg, PapyRossa Verlag, 2020

Heide Bekhit ist Vertrags- bedienstete und KPÖ-Bezirksrätin in Graz- Innere Stadt

BEREIT FÜRS NÄCHSTE MAL

Eine Rezension von Sebastian Wisiak

Nur zwei Monate nachdem der Corona-Ausbruch von der WHO als Pandemie eingestuft wurde und global rigorose Eindämmungsmaßnahmen getroffen wurden, erscheint ein Buch mit dem Anspruch, uns aufs nächste Mal vorzubereiten.

Der Titel „Bereit fürs nächste Mal – wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen“ verspricht Antworten auf brennende Fragen der Gesundheitsversorgung und des Katastrophenschutzes.

Wer sich ein systematisches Werk mit tiefgreifenden Analysen, harten Fakten und schlüssigen Handlungsanweisungen erwartet, wird allerdings enttäuscht. Vielmehr liest man sich durch ein Sammelsurium aus Anekdoten und Exkursen, mit wenig Struktur und vielen Gedankensprüngen. Die Autoren sind Rudolf Likar, Primar der Anästhesiologie in Klagenfurt und Kärntner Corona-Intensiv-Koordinator, sein Primarkollege von der Akutgeriatrie und Remob, Georg Pinter und ein klinischer Psychologe und Ao. Univ.Prof. in Rente, Herbert Janig.

Tätig sind oder waren die drei in Kärnten, dem Bundesland, mit vergleichsweise wenig Infektionsfällen. Dementsprechend ist ihre Erfahrung mit dem Corona-Virus eine recht undramatische. Im Buch wird ein großer Teil der – teilweise durchaus berechtigten – Kritik an überbordenden Maßnahmen und Panikmache gewidmet. Wenn es um konkrete Verbesserungen geht, ist das Buch eher dürftig. Während das Anlegen ausreichender Vorräte an Schutzausrüstung für medizinisches und pflegerisches Personal, gut und richtig ist, braucht es keine Professoren, um darauf zu kommen – schon gar nicht im Nachhinein. Wenn es um Themen geht, wo guter Rat teuer und fachliche Expertise gefragt ist, bleiben die Autoren schwammig.

So werden eine Reformierung des Medizinstudiums und eine Aufwertung des niedergelassenen Bereichs in der Gesundheitsversorgung gefordert. Es wird zur Prävention ein gesunder Lebensstil, der das Immunsystem stärkt, empfohlen. Ein solcher ist abhängig von der ökonomischen Situation einzelner Personen und für viele kaum umsetzbar.

Allen Mängeln zum Trotz liest man manche Passagen dann doch gebannt, weil marode Strukturen und Verwerfungen des Systems beinhart aufgedeckt werden – nur um im nächsten Absatz enttäuscht festzustellen, dass soeben das Thema gewechselt wurde, bevor Ursachen analysiert und Schlussfolgerungen gezogen wurden. Man hat ständig den Eindruck, dass nur an der Oberfläche gekratzt wird. Ob es um Verabschiedung von Sterbenden, Prävention oder die Ausweitung von E-Health geht – alles wird erwähnt, aber kaum etwas zufrieden- stellend bearbeitet.

Anstatt sich zu fragen, warum die Krise in China so viel besser gemanagt wurde als im Westen, verfallen die Autoren wiederkehrend in plumpes China-Bashing, das selten auf Fakten beruht. Xi Jinping die Ausstrahlung einer Litfaßsäule zuzusprechen, trägt wohl kaum dazu bei, dass wir das nächste Mal besser vorbereitet sind. Aus der chinesischen Reaktion zu lernen und sich die Best-Practice Guidelines der Ärzte an der Front in Wuhan anzuschauen schon eher.

Aber das haben die Autoren unterlassen. Peng Zhou et al haben in einem Review namens „Bat Coronaviruses in China“ im Journal Virology vor einem Jahr auf die Gefahr einer neuen Coronavirus-Pandemie hingewiesen. Laut den Autoren wurden die Warnungen nicht ernst genommen. Das schnelle Eindämmen der Epidemie in China spricht eine andere Sprache.

Likar Rudolf u.a., Bereit fürs nächste Mal – wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen, 172 Seiten, edition a GmbH, 2020, 22 Euro

Sebastian Wisiak ist Assistenzarzt für Chirurgie bei der KAGES und KPÖ-Bezirksrat in Graz-Liebenau

FLIEGST DU NOCH?

Heike Fischer über Luftfahrt in Zeiten von Corona

1.440 Euro Bruttolohn für Flugbegleiter*innen und 30 Prozent Gehaltsverlust für Piloten: Selbst mit Zulagen lassen sich mit diesem Gehalt keine großen Sprünge machen. Für ein sicheres und angenehmes Leben ist es trotz Vollzeitbeschäftigung zuwenig.

Die Auseinandersetzung um den Laudamotion-Kollektivvertrag verdeutlicht, dass gewinntreibende Bosse wie bei Ryanair keine Hemmungen haben, Arbeitsplätze zu opfern, wenn die Beschäftigten – vertreten durch die Gewerkschaft Vida – nicht klein beigeben und verzichten wo es nur geht.

Der Preiskampf der Fluglinien macht die Belegschaft erpressbar und führt zur Frage: Ist der Erhalt des Arbeitsplatzes oder ein Einkommen unter dem Existenzminimum wichtiger? Die Gewerkschaftsverhandler*innen erleben ein Dilemma: Wollen sie doch leistungswürdigende Einkommen und den Erhalt der Arbeitsplätze.

Und noch schwieriger wird die Situation, wenn Beschäftigten instrumentalisiert werden und eine von oben gesteuerte Entsolidarisierung stattfindet.

Welche Auswirkungen hat dieser Abschluss für andere Fluglinien? Der Nivellierung aller Kollektivverträge nach unten sind damit die Türen und Tore geöffnet worden. Alle Flugbetreiber wollen es billiger haben – zu Lasten der Beschäftigten.

Dem entgegen steuern könnte ein einheitlicher Luftfahrt-Branchenkollektivvertrag. Aber das setzt das gemeinsame Wollen aller in dieser Branche Tätigen voraus, also ein solidarisches Miteinander. Und davon sind wir auf Grund der Preistreiberei der Flugbosse leider weit entfernt.

Und was tun wir lieben Konsument*innen? Suchen wir weiter nach Schnäppchenpreisen? Mal schnell für 29 Euro nach Paris? Auch unser Verhalten unterstützt Preisdumping und den Kampf der Anbieter um Fluggäste und Destinationen.

Heike Fischer ist Diplompädagogin und Betriebsratsvorsitzende im Diakonie Zentrum Spattstraße und GLB-Landesvorsitzende in OÖ