VERSTÄRKTE UNGLEICHHEIT

Heike Fischer über Frauen in der (Corona-)Krise.

Mit der Corona-Pandemie wird auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern noch sichtbarer. Weltweit sind 70 bis 75 Prozent des Personals in „systemrelevanten“ Berufsgruppen Frauen. Im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich kümmern sie sich um Corona-Erkrankte und tragen ein erhöhtes Infektionsrisiko.

Als Beschäftigte im Dienstleistungssektor und Handel, überall wo es um die Versorgung und Unterstützung anderer Menschen geht, halten sie den Laden am Laufen. Sie betreuen die Kinder derer, die ihrem systemrelevanten Job nicht fernbleiben können, wenn Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen werden. Sie sind in Berufen tätig, die nicht nur als unverzichtbar eingestuft werden, sondern auch als typische Frauenberufe schlecht bezahlt sind. Applaus für ihre Tätigkeit, gefeiert als „Heldinnen der Krise“ oder einmalige Corona-Prämien helfen ihnen wenig. Sinnvoll wären generell bessere Bedingungen und höhere Gehälter in systemtragenden Berufen.

Auch im Homeoffice stehen Frauen vor enormen Herausforderungen. Wegen der Schließung von Schulen und Kinderbetreuungsstätten muss nebenbei noch tagsüber betreut, versorgt und zum Teil unterrichtet werden. Die Hausarbeit wird auch nicht weniger. Diese Tätigkeiten übernimmt in den meisten Fällen die Frau, die schon vor Corona durchschnittlich 1,5 Stunden mehr damit verbracht hat als ein Mann. Alleinerzieherinnen geraten dabei nicht nur finanziell, sondern auch physisch und psychisch an ihre Grenzen.

Auch die ersten Entlassungswellen im Tourismus und Gastgewerbe hat besonders stark die Frauen betroffen. Sie brauchen auch meist erheblich länger als Männer, um zur Erwerbsarbeit zurückzufinden. Armutsgefährdung besteht leider auch ohne Corona-Krise bereits durch atypische Beschäftigung wie Teilzeitarbeit, Befristungen, Leiharbeit bis zu Benachteiligungen bei Einkommen und Karriere.

Die häusliche Isolation, verbunden mit existenziellen Sorgen, erhöht das von Partnern und Vätern ausgehende Gewaltrisiko für Frauen und Kinder. Die ökonomische Unsicherheit der Frauen kann die Abhängigkeit vom Partner so verstärken, dass es für von Gewalt betroffene Frauen noch schwieriger wird einen Ausweg aus der Situation zu finden. Social Distancing sorgt leider auch dafür, dass die Betroffenen noch weniger persönliche Hilfe suchen können.

Ebenso steht die Beratung von Schwangeren und die Geburtshilfe in Krisenzeiten vor Herausforderungen. Auch Vorsorge in der Frauengesundheit wird vernachlässigt. Aus Furcht vor einem Infektionsrisiko werden notwendige Untersuchungen von Frauen verschoben oder gar nicht erst wahrgenommen. Die langfristigen Folgen sind nicht abzuschätzen.

Ein System, das maßgeblich von den Schlechtbezahlten, Doppel- und Mehrfachbelasteten und von Gewalt Bedrohten zusammengehalten wird, arbeitet schon zu „normalen“ Zeiten an seiner Belastungsgrenze. Die systematische Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern muss durch eine strukturelle Gleichstellungspolitik abgebaut werden.

Dies beinhaltet neben spezifischen Schutzmaßnahmen für Frauen eine Höherbewertung und deutliche Höherentlohnung der Berufe, in denen Frauen die Erhaltung des Systems sichern, eine konsequente Arbeitszeitverkürzung zu Gunsten von Familie und Erholung und eine Neuverteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen den Geschlechtern.

Heike Fischer ist Diplompädagogin und Betriebsratsvorsitzende im Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz

Cartoon: Karl Berger, http://www.zeichenware.at

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