Keine Zurückhaltung!

Georg Erkinger über den Konjunkturaufschwung

„Die österreichische Volkswirtschaft überwindet die COVID-19-Krise deutlich schneller als bisher erwartet und steht am Beginn einer Aufschwungphase“, so das WIFO in einer Presseaussendung aus dem Sommer.

Auch die Industriellenvereinigung jubelte und erklärte die Pandemie aus ökonomischer Sicht für beendet, im dritten Quartal hat die Wirtschaft wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht. Die Industrie hat daher auch allen Grund erfreut zu sein. Gemäß jüngsten Zahlen aus dem November rechnet das Kompetenzzentrum „Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft“ preisbereinigt mit einem Wachstum der österreichischen Gesamtexporte von 8,6 Prozent im heurigen Jahr und 8,9 Prozent im Jahr 2022.

Für 2021 prognostizierte das WIFO einen realen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um vier Prozent für 2022 um fünf Prozent. Mit dem Aufschwung kommt aber auch die Inflation zurück. Diese lag laut Schnellschätzung der Statistik Austria im Oktober bei 3,6 Prozent und erreichte damit den höchsten Wert seit zehn Jahren.

Gleichzeitig haben unter anderem die niedrigen Kollektivvertragsabschlüsse des vergangenen Jahres dazu geführt, dass im heurigen Jahr die Lohnstückkosten in der Warenherstellung gesunken sind. Laut Gewerkschaft PRO-GE beträgt der Rückgang 6,3 Prozent.

Es findet also gerade eine beschleunigte massive Umverteilung von den Löhnen der Beschäftigten hin zu den Gewinnen der Konzerne statt. Der gewerkschaftlichen Forderung nach einer ordentlichen Lohnerhöhung im Rahmen der Herbstlohnrunde kann daher nur zugestimmt werden. Der Auftakt in der Metallindustrie brachte aber einen Abschluss, der mit drei Prozent bei den KV-Löhnen und 3,55 Prozent bei den Ist-Löhnen unter der aktuellen Inflationsrate liegt. Es steht zu befürchten, dass die meisten anderen Branchen darunter liegen werden.

Für viele Konzerne läuft es besser denn je. Im Laufe der Krise wurden in Österreich sehr großzügige staatliche Unterstützungsleitungen gewährt. Der Konjunkturausblick ist positiv und die Preise steigen stärker als bisher. Es wäre also längst an der Zeit über den Anteil der Beschäftigten am Aufschwung zu diskutieren. Dass Lohnzurückhaltung keine Arbeitsplätze schafft, hat das vergangene Jahr gezeigt.

Damit dies nicht so bleibt, braucht es zweierlei. Einerseits müssen wieder KV-Abschlüsse her, die deutlich über der Inflation liegen, denn nur damit können sich die arbeitenden Menschen die Dinge, die sie benötigen auch leisten. Und andererseits gehört die Frage einer echten Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich wieder auf die Tagesordnung, damit auch mehr Menschen wieder die Chance auf einen Arbeitsplatz haben.

Das derzeit diskutierte Modell der 4-Tage-Woche ist dabei jedenfalls keine Lösung, sondern eine sozialdemokratische Mogelpackung, denn hier leisten die Unternehmen keinen finanziellen Beitrag und das, obwohl sie durch die gestiegene Produktivität profitieren. Die Kosten teilen sich die Beschäftigten über einen Lohnverzicht und die Allgemeinheit über einen Beitrag des AMS. Angesichts sprudelnder Gewinne kann das nicht die Lösung sein.

Georg Erkinger ist GLB-Bundesvorsitzender und AK-Rat in der Steiermark

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