Vorsicht Teilzeitfalle!

Josef Stingl über bedenkliche Entwicklungen am Arbeitsmarkt

Am 8. März ist Frauentag. Unglaublich, aber wahr: Seit Jahrzehnten stehen die Forderungen nach Gleichstellung und einer gerechten Verteilung der Familien- und Kinderarbeit auf der Tagesordnung – eine Verbesserung der Lebenssituation findet aber nicht statt.

Nach wie vor werden beispielsweise Haushalt und Kindererziehung zum Großteil auf die Frauen abgewälzt. Die Geburt eines Kindes bedeutet einen tiefen Einschnitt in ihr Arbeitsleben. Denn trotz der Möglichkeit der Väterkarenz sind es vorwiegend die Frauen, die nach der Geburt in Karenz gehen. Auch nach der Karenzzeit sind ihre Karrierechancen nur mehr „schaumgebremst“.

Falle Familienplanung

Mangelnde und zu falschen Zeiten angebotene Kinderbetreuungsmöglichkeiten verunmöglichen Vollzeitarbeit. Bei den Männern sieht das ganz anders aus. Für sie spielt Familienzuwachs beim Erwerbsleben praktisch keine Rolle. Fast 90 Prozent der Väter arbeiten weiter in Vollzeit. Mütter dagegen landen in der „Teilzeitfalle“. Sie bringen unter herrschenden Bedingungen Beruf, Familie und Kind nur erwerbsvermindernd unter einen Hut.

Falle Frauenbranchen

Es gibt noch eine zweite Seite der Medaille. Denn nicht nur das verkrustete und noch immer nicht aufgebrochene Sittenbild „Frau = Kind und Küche“ hindert viele Frauen am Vollerwerbsleben. Auch in sogenannten Frauenbranchen, wie dem Handel oder der Pflege sind de facto keine Vollzeitjobs zu bekommen. Hier werden wiederum die Frauen zu Teilzeitarbeit und Teilzeiteinkommen gezwungen.

Neben dem verringerten Erwerbseinkommen bedeutet das für Frau zusätzlich bei Arbeitslosigkeit ein verringertes Arbeitslosengeld und natürlich im Alter eine geringere Pension. Altersarmut – vor allem bei Frauen – wird so zur Normalität. 

Vorübergehende Teilzeit-Phasen haben massive Einkommensauswirkungen. So verliert eine Frau bei einem auf 30 Wochenstunden reduzierten Vollzeitarbeitsplatz mit 2.500 Euro brutto in einem Jahr rund 10.000 Euro an Gehalt und Pensionszahlungen.

Dazu muss angemerkt werden, dass es auch einige wenige gibt, die sich aufgrund ihres gehobenen Lohn- und Gehaltsniveaus zur Verbesserung ihrer Life-Work-Balance „den Luxus einer Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich“ gönnen können.

Teilzeitarbeit verteuern

Was dagegen tun? Eine Frage, die sich auch Arbeitsminister Kocher stellen muss. Aber weit gefehlt, er kommt nicht auf die Idee Kinderbetreuungseinrichtungen auszubauen, genauso wenig kommt er auf die Idee, die Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu senken. Er möchte Teilzeit „unattraktiv machen“ und höher besteuern – leider bei den Beschäftigten und nicht den Unternehmen.

Ewiggestriges Rollenbild

Herr Arbeitsminister, was wendet sich damit für Frauen zum Guten, wenn das ewiggestrige Rollenbild der Geschlechter fortgeschrieben wird und ihre Lohn- und Gehaltslücken noch zusätzlich vergrößert werden. Glauben Sie echt, dass dadurch aus nur einem Teilzeitarbeitsangebot ein Vollzeitarbeitsplatz wird?

Denn gerade für Arbeitgeber*innen hat Teilzeit immense Vorteile. Sie sichert ihnen trotz optimierter Arbeitszeitverdichtung weniger Krankenstände und erhöht den Produktivitätsgewinn. Die Teilzeitbeschäftigten können sich im Gegenzug über verringerte Einkommen und Pensionen „erfreuen“.

Ein echter Lösungsansatz wäre, wenn die Teilzeitarbeit für die Unternehmen verteuert wird. Beispielsweise durch einen volljobmäßigen Pensionsversicherungsbetrag bei Teilzeitbeschäftigungen. Der positive Nebeneffekt dabei, dass sich dadurch die Altersarmut verringern würde!

Falle Ungleichbehandlung

Derzeit arbeiten Frauen laut österreichischer Zeitverwendungsstudie in bezahlten Jobs um wöchentlich neun Stunden weniger als ihre männlichen Kollegen – gleichzeitig leisten sie jede Woche elf Stunden mehr unbezahlte Arbeit.

Arbeitsminister Kocher kann mit einer radikalen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich diesem Ungleichgewicht entgegenwirken und mit der gewonnenen Freizeit für Männer und Frauen eine gerechtere Verteilung der Familienarbeit zu erreichen.

Um Frauen aus der Teilzeit in die Vollzeitarbeit zu holen ist auch das derzeitige Angebot der Kinderbetreuungseinrichtungen zu überdenken.

Denn Vollzeitarbeit bedarf einer ausreichenden Anzahl von qualifizierten Plätzen in Betreuungs- und Bildungseinrichtungen – vor allem mit Betreuungszeiten, welche die herrschenden Arbeitszeiten auch abdecken. Der Benefit verbesserter hochqualifizierter Betreuungsverhältnissen kommt den Kindern zugute.

Josef Stingl ist stellvertretender Bundesvorsitzender des GLB

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